Junge Menschen im ZEGG

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Wir müssen mal über Gender reden!

Kurze Haare, aus denen nur hinten ein paar Dreadlocks rausschauen, eine schwarze weite Jeans und ein Jacket. Kilian sieht verdammt lässig aus, wie er da auf der Couch sitzt und mit entspannten Gesichtszügen in die kleine Menge vor ihm blickt. Es ist Sonntagabend, alle Wochenendsbesucher sind abgereist und der obere Seminarraum ist angefüllt mit Menschen aller Altersgruppen, die die letzte halbe Stunde gespannt zugehört haben. Das Thema des Abends: Mann sein, Frau sein und alles was es dazwischen noch so gibt.

Kilian ist fertig mit seiner Erzählung, ab jetzt können Fragen gestellt werden. Aber was gibt es jetzt eigentlich noch zu erklären? Vor einiger Zeit hieß Kilian noch Svenja, aber Svenja passte irgendwie nicht so richtig in eine Schublade. Mit dem ersten Verliebtsein in eine Frau, in der Schulzeit, geriet plötzlich alles durcheinander. Lesbisch sein, bisexuell sein, Transsexualität leben. Neue Begriffe mussten her, denn die heterosexuelle Cisgender* „Normalität“ wollte einfach nicht mehr so ganz zu Kilian passen.

TransGender SymbolWarum eigentlich die ganze Aufregung?

Noch immer akzeptieren wir in unserer Gesellschaft nur das biologische Geschlecht als Beweis für unsere geschlechtliche Identität. Aber was braucht es eigentlich, um einen Mann zum Mann zu machen? Einen Bart? Den haben auch manche Frauen. Vielleicht eine bestimmte Energie oder Ausstrahlung? Unterscheiden wir uns in dem Punkt nicht alle voneinander, egal ob Mann oder Frau? Zarte Männer und starke Frauen, Männer mit Brüsten und Frauen mit Penis. Vielleicht sind wir ja schon auf dem Weg in eine Zukunft, in der sich jeder und jede Einzelne selbst aussuchen kann, ob sie/er als Mann oder Frau gelesen werden will, oder eben als gar nichts von beidem. In der Realität vieler Transmenschen oder intersexueller Personen ist diese Zukunft noch undenkbar. Welches Badezimmer darf ich benutzen? Sind meine offiziellen Dokumente noch gültig? Darf ich heiraten, Kinder kriegen? Was ist mit Hormonen oder Geschlechtsumwandlungen? All diese Fragen gehen einher mit dem simplen Wunsch nach körperlicher und emotionaler Selbstbestimmung, mit dem sich wahrscheinlich Jede*r von uns auf die eigene Art gut verbinden kann.

In der heutigen Fragerunde hat Kilian alles erlaubt, nur Kommentare soll es keine geben, denn davon hält der Alltag für ihn schon genügend bereit. Warum er sich entschieden habe ein Mann werden zu wollen, fragt einer. „Ich bin kein Mann“ lautet die schlichte Antwort „Ich bin einfach keine Frau“. Kilian hat sich für das Pronomen „er“ entschieden, auch weil es in der deutschen Sprache noch keine offiziellen Bezeichnungen für „das Andere“ gibt. In der Pronomenfrage will er sich allerdings nicht festlegen, denn vielleicht findet sich in der Zukunft ein passenderes Wort.

Mit welchem Pronomen möchtest du gerne angesprochen werden?

Auch die Macht der Worte ist etwas, das heute Abend ziemlichen Eindruck hinterlassen hat. Wir müssen nicht plötzlich Crossdressing* betreiben, um das Thema Gendermainstreaming* besser in unser Leben zu integrieren. Wenn wir unser Gegenüber mit den Namen und Pronomen oder Bezeichnungen ansprechen, die diese Person für sich selbst gewählt hat, dann ergibt sich plötzlich ein ganz neuer Raum. Raum um sich selbst zu definieren, um sich authentisch zu begegnen und Raum um sich im ganz eigenen Sein zu entfalten.

Kilian hat sich seine eigene Kategorie geschaffen. Ein „Genderqueer“ Zeichen ist auf seinen Arm tätowiert. Es steht für eine neue Form von Geschlechtlichkeit, die außerhalb der Abhängigkeit von Biologismus oder sozialisierten Normen existiert und sich damit loslöst von der Idee jeder Mensch müsse sich entweder als Mann oder als Frau definieren. Es steht also für ein Geschlecht, das nicht ausschließt, sondern uns alle vereint, indem es nicht in „normal“ und „anders“ unterscheidet. Wir alle sind anders meint Kilian. Wie viele queere* Mitmenschen er sich im Zegg wünschen würde, um sich wohl zu fühlen, wird gefragt. „fünf“ sagt Kilian nach kurzer Überlegungspause „das ist zwar ganz schön optimistisch, aber das Zegg ist doch bekannt für seine Veränderungsprozesse.“

 

 

Hinweise/ Hintergrundwissen zum besseren Verständnis:

„Ending Gender“ by Scott Turner Schofield - https://www.youtube.com/watch?v=TWubtUnSfA0

*1) Cisgender: Personen, deren Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt

*2) Crossdressing: Das Tragen der spezifischen Bekleidung des anderen Geschlechts. Die Motive reichen vom Verkleiden oder Ausdruck persönlichen Mode-Stils über Protest gegen Geschlechter-Stereotype bis hin zum Ausdruck einer nicht zum biologischen Geschlecht passenden Geschlechtsidentität.

*3) Gendermainstreaming: Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter.

*4) Queer: Sammelbegriff unter dem sich – je nach Selbstaussage – außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgender, Pansexuellen, Asexuellen und BDSMlern auch heterosexuelle Menschen, welche Polyamorie praktizieren, und viele mehr finden lassen.

Autorin: Pia Böddeker

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