Junge Menschen im ZEGG

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Ein Praktikumsbericht

Zwei Monate ins ZEGG gehen für ein Praktikum, das war der Plan. Und dann, wenn die acht Wochen rum sind zurückgehen und zu Ende studieren. Eigentlich funktionieren meine Pläne meistens ganz gut nur dieses mal ist irgendetwas schief gelaufen.

Um mich meinem Publizistikstudium und den Gründen, warum ich es ursprünglich mal begonnen hatte (irgendwas Kreatives mit Sprache studieren) wieder anzunähren beschloss ich letzten Sommer, dass es Zeit für echte Feldforschung wäre. Irgendeinen Berufszweig wollte ich finden, auf den mich mein Studium vorbereitet und der mich begeistern kann. Journalismus schied aus, zu viel Ellebogengesellschaft, zu wenig Berichterstattung, die wirklich nachhaltig nährt. Auch eine Karriere in der Marketingabteilung irgendeines mäßig sympatischen Großkonzerns ließ meine Lust auf ein Leben nach dem Studium nicht grade durch die Decke gehen.

Also grub ich ein bisschen tiefer in der Möglichkeiten-Schatzkiste und stieß schließlich auf das ZEGG. Ökologisch, gemeinschaftlich und mit vielen Schwerpunkten ausgestattet, die mir selber grade wichtig sind, dauerte es nicht lange bis meine Bewerbung auf dem Weg in die Gemeinschaft war. Ich wurde schließlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen und kurz darauf war klar, hier möchte ich sein und mitwirken! Offenbar ging es dem ZEGG mit mir ähnlich denn ein halbes Jahr später packte ich meinen Rucksack mit dem Ziel: Bad Belzig.

SendestationDas ZEGG ist nicht das Paradies, auch hier gibt es Konflikte und auch hier haben sich manche Ideale mit der Zeit der Realität beugen müssen. Auch hier sind Menschen einsam. Ich habe hier schon hitzig über Alltagsrassismus und Sexismus diskutiert und mich ziemlich schnell von der Illusion verabschiedet, dass Gemeinschaftsleben immer harmonisch und im Einklang verlaufen muss. Ich war manchmal frustriert, weil mir Veränderungen zu langsam gingen und eine 120-Mensch Gemeinschaft einiges mehr an Masse in Bewegung setzen muss, um voran zu kommen. Und trotzdem, oder vielleicht grade deswegen will ich jetzt wo es fast vorbei ist nicht mehr gehen.

Nein, das ZEGG ist nicht perfekt und es hat auch keine Antworten auf alle meine Fragen. Im Unterschied zu dem Leben, wie ich es bisher kennen gelernt habe, dürfen Fragen hier trotzdem gestellt werden, auch wenn die Antwort vielleicht erstmal ein allgemeines Schulterzucken ist. Meine Kritik darf da sein, genauso wie meine schlechte Laune und mein Wunsch nach Rückzug. Es gibt hier genug Platz für mich, um frei zu atmen und kreativ zu werden und sogar so viel Platz, dass ich mir wünsche wiederzukommen. Auch wenn sich dieses 120-Mensch Wesen für meinen Geschmack ganz schön langsam bewegt trägt es erstaunlich viele unterschiedliche Menschen mit den verschiedensten Bedürfnissen seit 25 Jahren erfolgreich auf seinem Rücken herum. Die Beständigkeit mit der dieser Balanceakt seit so langer Zeit funktioniert beeindruckt mich jeden Tag aufs Neue.

Mein Lernprozess in der Gemeinschaft ist also definitiv noch nicht beendet. Gleichzeitig habe ich die Möglichkeit in der Öffentlichkeitsarbeit des ZEGG mitzuwirken und auch hier scheint das tägliche Lernen und Neuentdecken nicht nachzulassen. Ganz klassisch schreibe ich Mails und muss ab und zu stumpf an Excel-Listen herumbauen, aber vor allen Dingen darf ich schreiben. Ob im Newsletter auf der Webseite, als Interview, oder längerer Artikel, die kreative Arbeit ist hier immer wieder Teil von meinem Arbeitsalltag. Ich habe mit viel Geduld und einem sehr ausdauernden Lehrer das Programmieren gelernt, durfte die Jung-im-Zegg Webseite neu beleben und hatte dabei mehr Spaß, als ich mir und meinem Computer jemals gemeinsam zugetraut hätte. Ich darf mir Projekte selber aussuchen und gestalten und dabei wird mir von allen Seiten Vertrauen entgegengebracht. Grade zu Anfang hat mich diese neue Freiheit immer wieder ziemlich irritiert, denn statt der Angst ich könnte die gesamte Internetseite zum Einsturz bringen durfte ich schon nach einer Woche selbstständig und ganz ohne Kindersicherung daran herumbasteln. Ich fühle mich hier nicht als Belastung, sondern als Unterstützung und grade dieses Selbstvertrauen und Fremdvertrauen ist das größte Geschenk, dass ich durch mein Praktikum im ZEGG bekommen habe.

Zum Studieren gehe ich nächstes Semester trotzdem wieder nach Hause, also heißt es erstmal Abschied nehmen vom ZEGG. Es war eine wunderschöne, intensive Zeit mit euch allen. Vielen Dank für die tolle Erfahrung.

Bis bald, Eure Pia

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